Nahaufnahme der Struktur des Matrix-Kühlergrills eines Bentley Blackline
Frontansicht des Bentley Flying Spur Speed im Farbton Orange Flame mit glänzend schwarzem Matrix-Kühlergrill und beleuchteter „Flying B“-Kühlerfigur aus hochglanzpoliertem Edelstahl.

Metrologie

Ein Maßstab für Vollkommenheit

Tief im Herzen des Bentley-Werks in Crewe befindet sich eine große, helle und klimatisierte Werkstatt, die Besucher nie zu Gesicht bekommen. Dieses Labor ist vollgepackt mit Präzisionsinstrumenten, wie man sie bei einer Weltraumbehörde oder im wissenschaftlichen Labor einer Universität erwarten würde. Hier misst das Metrologie-Team jedes einzelne Bentley-Bauteil nach den höchsten Präzisionsstandards.

Nahaufnahme der Bentley-Voll-LED-Scheinwerfer in Juwelenschliff-Optik.
Detailansicht der beleuchteten „Flying B“-Kühlerfigur in hochglanzpoliertem Edelstahl

Die Choreografie des Flying B

Im Fahrzeugbau kommt der Überprüfung und Sicherung höchster Maßgenauigkeit besondere Bedeutung zu, da viele Komponenten zu komplexen Baugruppen zusammengefügt werden.

 

Um nur ein Beispiel zu nennen: Das versenkbare „Flying B“-Emblem, das die Motorhaube des Flying Spur ziert, lässt sich nur deshalb so problemlos aus- und einfahren, weil jede Komponente der komplexen Steuerbaugruppe exakt und mit gleichbleibenden Maßen gefertigt wird. Die Kühlerfigur ist beleuchtet und verbindet sich mit dem schlüssellosen Zugangssystem, sobald sich der Fahrer dem Fahrzeug nähert. Im Falle eines Unfalls muss sie jedoch automatisch eingefahren werden. Damit dieses fein abgestimmte Zusammenspiel funktioniert und das Element exakt mittig in seinem Sockel sitzt, bewegen sich die Toleranzen mancher Kühlerfigur-Komponenten im Bereich von nur 0,15 Millimetern.

Furnier in Engine Turned Aluminium mit dunkler Tönung.
Blick auf den im Fahrzeug verbauten 6,0-Liter-W12-Biturbo von Bentley mit dem Flügelemblem der Marke.

Toleranzen unterhalb des Durchmessers eines roten Blutkörperchens

Laien verwenden gerne den Ausdruck „um Haaresbreite“ als Beschreibung für das kleinstmögliche Maß, doch für Bentleys Metrologie-Team wäre das zu ungenau. Wie Michael Stockdale betont, kann ein menschliches Haar eine Dicke von siebzehn bis über hundertfünfzig Mikrometer haben. Zum Vergleich: In der Messtechnik gibt es Geräte, die bis auf 0,5 Mikrometer genau messen können.

 

Ein Mikrometer entspricht einem Millionstel Meter − ein menschliches rotes Blutkörperchen hat einen Durchmesser von 5 Mikrometern. Nicht jedes Bentley-Bauteil muss mit einer Genauigkeit von weniger als einem Mikrometer gefertigt werden, doch bei einigen ist dies tatsächlich der Fall.

 

Als Beispiel nennt Michael Stockdale die Kurbelwelle von Bentleys 6,0-Liter-W12-Motor im neuen Flying Spur, dem modernsten 12-Zylinder der Welt. Die Kurbelwelle dreht sich mit bis zu 6.000 Umdrehungen pro Minute und wandelt die enormen Abwärtskräfte der Kolben in eine Drehbewegung um, die die Räder antreibt. Obwohl mit bloßem Auge nicht zu erkennen, weisen die zwölf bearbeiteten Lagerflächen, auf denen die Kurbelwelle sitzt, winzige Rillen auf, in denen ein mikroskopisch dünner Ölfilm schwimmt.

 

Mithilfe eines hochpräzisen Perthometers (eines Messgeräts zur Bestimmung der Oberflächenbeschaffenheit) kann das Messtechnik-Team überprüfen, ob sich diese winzigen Rillen innerhalb der festgelegten Toleranzen bewegen. Damit jeder W12-Motor die beeindruckende Leistung und die außergewöhnliche Langlebigkeit liefert, die man von ihm erwartet.

Detailansicht der Rautensteppung auf Portland-Leder.
Blick auf das Heck eines Bentley Continental GT Speed W12 in der Farbe Orange Flame auf der Fertigungslinie.

Ein Flying Spur aus massivem Aluminium

Das Metrologie-Team vermisst nicht nur einzelne Oberflächen und Bauteile mit mikroskopischer Genauigkeit, sondern auch ganze Fahrzeuge. Die Abteilung verfügt über sogenannte „Cubing“-Referenzfahrzeuge. Dabei handelt es sich um die komplette Fahrzeugkarosserie, die aus einem massiven Aluminiumblock gefertigt wird und als Vorlage dient, um Karosserieteile und Komponenten der Innenausstattung zu vermessen. Das Cubing-Modell des Flying Spur repräsentiert den idealen Flying Spur, an dem alle anderen gemessen werden. Jeder Millimeter seiner Karosserie wird mit hochpräzisen Digitalkameras gescannt, um eine vollständige und genaue Kartierung des Fahrzeugs zu erstellen.

„Stellen Sie sich vor, in der Prototypen-Phase taucht ein Problem auf. Der Spalt zwischen Kühlergrill und Motorhaube ist einen Millimeter zu groß“, beschreibt Michael Stockdale. „Ist in diesem Fall der Kühlergrill fehlerhaft oder die Motorhaube? Das Cubing-Referenzmodell liefert die Antwort, da es exakt nach den Maßen der CAD-Daten gefertigt wurde.“

Nahaufnahme der Bentley-Voll-LED-Scheinwerfer mit Rautenmuster in Juwelenschliff-Optik.
Ein Bentley-Techniker bei der Arbeit an einem Verbundmikroskop.

Optische Laservermessung

Unterschiedliche Materialien erfordern unterschiedliche Messverfahren. Die einzigartigen, „dreidimensionalen“ Ledereinsätze mit Rautensteppung in den Türen und hinteren Seitenverkleidungen des Flying Spur lassen sich nicht mit einem herkömmlichen taktilen Messgerät erfassen, da Berührungen der Oberfläche die Messwerte verfälschen würden. Stattdessen werden die genauen Konturen jeder Raute mithilfe eines optischen Laserscanners erfasst und überprüft.

 

Der Innenraum des Flying Spur war eine besondere Herausforderung, da jeder Sitz mit zahlreichen Funktionen ausgestattet ist. Allein die Rücksitze lassen sich 14-fach verstellen und bieten fünf Massagemodi. Die beiden äußeren Sitze sind sowohl beheizbar als auch belüftet. Ob einteiliger Dachhimmel, edle Holzverkleidungen oder luxuriöse Lederpolsterung – ihre makellose Passform ist nur möglich, wenn zwischen den verschiedenen Materialien, von Holz über Metall bis hin zu Stoff und Leder, höchste Maßgenauigkeit erreicht wird.

Detailaufnahme von Côtes de Genève in dunkler Ausführung
Detailansicht eines Präzisions-Temperaturmessgeräts im Metrologie-Labor von Bentley.

Präzise Temperaturregelung

Materialien dehnen sich bei Wärme aus und ziehen sich bei Kälte zusammen. Daher ist es unerlässlich, dass sämtliche Messungen bei einer konstanten Referenztemperatur durchgeführt werden. In den Räumen der Metrologie-Abteilung sorgt eine Klimaanlage für eine konstante Temperatur von 20 °C. Für Bauteile, die höchste Präzision erfordern, gibt es den besonders geschützten Bereich für hochpräzise Messungen, in dem ein spezielles Klimatisierungssystem gewährleistet, dass die Temperatur niemals um mehr als ein halbes Grad Celsius abweicht. Hier befinden sich auch drei riesige Granitblöcke, an denen Komponenten befestigt werden können, um höchste Stabilität zu erreichen – eine Grundvoraussetzung für präzise Messwerte. Doch zunächst müssen sich die zu messenden Komponenten sozusagen an die Atmosphäre gewöhnen. „Ein großes Bauteil wie ein Motorblock muss unter Umständen bis zu einer Woche lang bei konstanter Temperatur ruhen, damit wir sicher sein können, dass die Temperatur selbst im Kern 20 °C beträgt“, erklärt Michael Stockdale.

Nahaufnahme einer grauen Steinoberfläche.
Ein 3-D-Koordinatenmessgerät mit einem Messtaster zur Ermittlung der Abmessungen eines Motorblocks.

Ein unsichtbarer Beitrag

Besucher in Crewe bekommen die Metrologie-Abteilung nie zu Gesicht. Und auch die Besitzer eines Flying Spur, Continental GT oder Bentayga werden die Arbeit des Metrologie-Teams nirgendwo in ihrem Fahrzeug konkret festmachen können. Doch das Design, die Leistungsfähigkeit und die Langlebigkeit jedes Bentleys sind allein der Tatsache zu verdanken, dass jedes Bauteil dem Ideal genau entspricht. Die Mitglieder des Metrologie-Teams sind deshalb unsere stillen Helden, die Hüter unseres anhaltenden Strebens nach vollkommener Maßgenauigkeit. Jeder Bentley, der das Werk verlässt, ist eine Hommage an ihren unsichtbaren Beitrag.