Andrea Jensen sitting at a table with paint samples.
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Unser Volk

Farben, Materialien und Oberflächen

Andrea Jensen

Wie entwickelt die Bentley-Abteilung für Farben, Materialien und Oberflächen ihre Farbtöne? Wo findet sie Anregungen? Die Abteilungsleiterin Andrea Jensen liefert Erklärungen.
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Farbe

Fifty Shades of...
Firmeneigene Expertise
Endlose Möglichkeiten

In ihrer Laufbahn ist Andrea Jensen schon viel herumgekommen und hat für einige der bekanntesten Luxusautomarken gearbeitet. Doch Bentley, verrät sie, spiele in einer ganz anderen Liga. Vor Kurzem ist die Abteilung für Farben, Materialien und Oberflächen (engl. abgekürzt CMF) an einen besonderen Ort inmitten von Bentleys Dream Factory umgezogen, direkt neben die Abteilung für Fahrzeugdesign. Das neue Studio, durch entsprechende Sicherheitsmaßnahmen vor neugierigen Blicken geschützt, ist eine Schatzkammer voller erlesener Materialien, faszinierender neuer Oberflächen und vor allem Farben.

 

Auf einem Regal stehen mehrere Coupé-Silhouetten, ohne Räder. Auf den ersten Blick scheinen alle dieselbe Farbe zu haben, ein zartes satiniertes Gold. Doch jedes einzelne der gut ein Dutzend Modelle, erklärt sie, weist einen leicht anderen Farbton auf. „Manchmal probieren wir bis zu 50 verschiedene Varianten aus, ehe wir genau den gewünschten Farbton finden“, erläutert Andrea.

50 verschiedene Goldtöne, das klingt nach viel. Doch Jensen versichert, dass die Ergebnisse den hohen Aufwand rechtfertigen. „Wir haben unseren eigenen Lackexperten, Steve Williams, und unsere eigene Lackierkabine. Das ist einzigartig und gibt uns die Möglichkeit, genau den richtigen Farbton im eigenen Haus zu erzeugen.“  

 

„Ein Designer kann Steve direkt aufsuchen und ihm sagen: ‚Diese Farbe gefällt mir wirklich sehr, aber könntest du bitte mehr Metallic-Partikel hineinmischen? Und könnte die Farbe beim ‚Flop‘-Effekt [bei der Veränderung der Farbe je nach Blickwinkel] bitte richtig dunkel erscheinen?‘“  

 

„Steve sprüht dann die ersten Muster, und da er ein umfassendes Verständnis von Pigmenten hat, probiert er auch eigene Ideen aus, die das Team anschließend begutachtet.  Oft überrascht uns Steve mit tollen Ideen und zeigt uns fantastische Farbmuster. Es ist wirklich eine Zusammenarbeit des ganzen Teams.“

Zu Bentleys Palette von über 120 Farben gehören Uni-, Metallic-, Satin- und Perleffekt-Lacke. Doch selbst hinter einem einfachen Begriff wie „Metallic“ verbirgt sich eine Vielzahl subtiler Unterschiede und eine hohe Komplexität. Traditionell wurden Metallic-Lacke durch winzige Aluminiumpartikel erzeugt. Doch heute umfasst die Palette der Lackdesigner dutzende Optionen, die jeweils mit unterschiedlichen Materialien hergestellt werden und unterschiedlich auf Licht und den Betrachtungswinkel reagieren.  

 

Jensen listet einige davon auf. „Bei Paliochrom sind die Aluminiumpartikel mit Eisenoxid beschichtet. Bei Xirallic wird Titan verwendet. ChromaFlair enthält mehrschichtige Plättchen aus Aluminium, Magnesiumfluorid und Chrom. Und bei Colourstream kommen mit Eisenoxid beschichtete Siliziumdioxid-Plättchen zum Einsatz. Diese Farben reagieren jeweils unterschiedlich auf Licht und den Betrachtungswinkel. Da wir unsere Lacke selbst mischen, können wir eigene, Bentley-spezifische Farbtöne kreieren.“

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Inspiration

Tradition und Innovation
„Ein Screenshot in meinem Kopf“

Das Team arbeitet mit modernster Farbtechnologie. Vor Kurzem feierte Pallas Gold, ein sanft schimmernder Flüssigmetall-Satin-Lack, Premiere am EXP 15, Bentleys Konzeptfahrzeug, das einen Ausblick auf das künftige Design gibt. Der Lack basiert auf einer völlig neuartigen dünnen Pigmentierung, die die Radarsignale des Fahrzeugs hindurchlässt. Dank seiner hohen Reflektivität wird er zudem von den LIDAR-Systemen anderer Fahrzeuge gut erfasst, was der Sicherheit zugutekommt. Ein weiterer Vorteil: Der Lack benötigt weniger Material und trocknet schneller, wodurch die CO2-Emissionen sinken.  

 

Trotzdem ist Pallas Gold kein reines Laborprodukt, sondern wurde durch Bentleys traditionsreiche Geschichte inspiriert. Die Kühlergehäuse aus einer Kupfer-Nickel-Zink-Legierung der Bentleys aus den 1920er Jahren nehmen mit der Zeit eine goldene Patina an. Dieser warme Goldton diente dem CMF-Team beim EXP 15 als Inspirationsquelle.  

 

„Diese Gold- und Nickeltöne liegen derzeit voll im Trend“, merkt Jensen an. „Das ist typisch Bentley: Wir greifen etwas aus der Vergangenheit auf und machen daraus etwas Frisches, Modernes.“ 

Auf der Suche nach Anregungen, auch jenseits der Automobilbranche, bereist das CMF-Team die ganze Welt. „Wir besuchen internationale Messen für Leder, Textilien und Möbel, wie etwa den Salone del Mobile in Mailand. Außerdem verfolgen wir die Trends im Bereich der Luxusmode und arbeiten mit einigen der innovativsten Zulieferer zusammen. Für eine CMF-Designerin hört die Arbeit einfach nie auf. Im Urlaub, sei es am Strand, bei einer Kunstausstellung oder in einer Stadt wie Seoul, fallen mir manchmal andere Materialien oder Farben auf. Dann denk ich, sieht cool aus ... und mache eine Art Screenshot in meinem Kopf.“ 

 

Manchmal kommt die Inspiration auch aus dem eigenen Hause. Über Bentleys Absolventenprogramm stieß ein neues Mitglied zum Team. „Wir fragten sie, ob sie an anderen Fachbereichen interessiert sei. Sie antwortete: ‚Ich interessiere mich sehr für den 3D-Druck.‘ Also gaben wir ihr den Auftrag, sich in das Thema einzuarbeiten. Sie brachte dann einige fantastische Ideen für Materialien ein, die wir in den EXP 15 integriert haben.“

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Teamarbeit

Dilemma einer Designerin
Trends und Instinkt

Andrea Jensens Begeisterung für Autos begann schon in jungen Jahren. Ihr Vater war ein großer Fan des Jaguar E-Type und nahm sie zu allen europäischen Automobilmessen mit. Außerdem fährt sie leidenschaftlich gerne Fahrrad. Fragt man sie jedoch nach ihrer aktuellen Lieblingsfarbgebung für einen Bentley, zögert sie. 

 

„Über diese Frage muss ich lachen. Denn Designern fällt es wirklich schwer, ein Fahrzeug und eine Farbe aus der eigenen Modellpalette zu wählen. Ich wünschte, ich könnte die Farbe jeden Tag ändern.“ Auf Nachfrage entscheidet sie sich für einen Bentayga in der neu entwickelten Ombré-Technik von Mulliner. „Mein Coupé ist lila, mein Motorrad glänzend schwarz, daher hätte der Bentayga den Ombré-Effekt mit einem Farbverlauf von Lila nach Schwarz. Mit einem gelben Zierstreifen ... das ist eine coole Kombination.“ 

 

„Das entspräche meiner Persönlichkeit. Wirklich perfekt. Ein lila Auto, ein schwarzes Motorrad und dann noch mein Bentley mit einem sanften Farbverlauf von Lila nach Schwarz. Das würde mir gefallen.“ 

Die Entwicklung und Konstruktion eines brandneuen Bentley dauert von der ersten Skizze bis zur Serienreife rund sieben Jahre. Daher blicken Andrea Jensen und ihr Team immer ein Stück voraus. „Autofarben unterliegen weniger schnelllebigen, sondern eher längerfristigen Trends. Weiß ist nach wie vor sehr beliebt, und momentan liegt Braun im Trend. Doch welche Farbe kommt als nächste? Deshalb arbeiten wir mit Trendexperten und Prognoseagenturen zusammen. Doch letztendlich – und das kann keiner genau erklären – entscheidet unser Bauchgefühl. Wir haben einfach ein Gespür für kommende Trends.“ 

 

„Wir sind tief in der Materie drin, setzen uns damit auseinander. Wir haben ein wunderbares neues Designzentrum. Wir kommen tagtäglich zur Arbeit, um mit Farben und Materialien zu spielen. Und alle sind einfach froh, hier zu sein und ihrer Tätigkeit nachzugehen. Das Beste daran ist, dass wir dafür bezahlt werden, unserer Leidenschaft zu frönen, einzigartige Farben, Materialien und Oberflächen für Bentley zu entwerfen und unsere Kunden glücklich zu machen.“